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Rätsel Öl



Im Jahre 1959 unternahm die IPC, die Iraq Petroleum Company, Probebohrungen in den Küstengewässern vor der noch britisch beherrschten Piratenküste. Bei Abschluss der Bohrungen hieß es, es sei leider kein Öl in förderwürdigen Mengen gefunden worden.

Scheich Shakhbut von Abu Dhabi blickte traurig und wütend von seinem Lehmzinnen-Palast hinaus auf den Persischen Golf, an dessen Strand seine Untertanen ihr großes Geschäft verrichteten.

"Die IPC will mich nur ärgern. Die haben bestimmt Öl gefunden, die Bohrlöcher verstopft, und behaupten, da sei kein Öl". Scheich Shakhbut sollte Recht behalten. Mittlerweile sind die Bohrlöcher entkorkt; die Piratenküste ist zu den Vereinigten Arabischen Emiraten mutiert und ein großer Ölerzeuger geworden, mit bekannten Reserven, die an die Kuweits heranreichen.

Moral? Es gibt zwar unzählige wissenschaftliche fundierte Schätzungen der Welt-Erdölreserven, doch wirklich Genaues wissen im Zweifelsfall nur die großen Gesellschaften, falls sie ihre Kenntnisse zusammenlegen..

Als US-Präsident Bush sein Amt antrat, tat er kund, dass er das Energieproblem von der Angebotsseite her lösen wolle, nämlich durch Steigerung der Ölförderung, zum Beispiel im eigenen Lande, nämlich in Alaska und vor der Küste Floridas.

Ein Proteststurm fegte durch Europa, haben sich die Europäer doch seit einem Vierteljahrhundert verschworen, das Problem von der Nachfrageseite her zu lösen, nämlich durch Sparsamkeit. Präsident Bushs Idee, einfach den Ölhahn aufzudrehen, musste ergo falsch sein, und wurde mit quasi-religiösem Eifer bekämpft.

Eigentlich hätten zumindest ein paar Leute nachdenklich werden müssen: kann es sein, dass Bush - immerhin ein ausgewiesener Öl-Fachmann - so falsch liegt? Weiß Bush vielleicht mehr über Umfang und Förderwürdigkeit der Welt-Erdölreserven als Europas Experten?

Der Zweifel wurde unlängst verstärkt durch eine Meldung, dass es gelungen sei, Erdöl experimentell anorganisch herzustellen, ohne Verwendung von organischen Stoffen. Sollte das stimmen, dann könnte man sich fragen, ob Erdöl nicht vielleicht in geringem Umfang ein nachwachsender Rohstoff ist, dass sich Öl möglicherweise unter bestimmten Bedingungen auch heute noch bildet.

Wie auch immer: Europas zunehmend rigorose Ölsparpolitik verdient mehr als ein Fragezeichen. Interessant ist beispielsweise die Beobachtung, dass Europa und Japan mit ihren hohen Benzin- und Gaspreisen indirekt die US-Wirtschaft subventionieren. Der Zusammenhang ist einfach: durch steuerlich erzwungene Verbrauchsdrosselung kaufen Europa und Japan viel weniger Erdöl, als sie es normalerweise täten. Dieser Nachfrageausfall drückt bei gleicher Fördermenge die Weltmarktpreise und erlaubt es anderen Nachfragern, nämlich in erster Linie den Amerikanern, Öl billiger zu kaufen. Die Annahme konstanter Fördermengen ist natürlich zu starr: vielmehr wird sich gemäss den Regeln klassischer Ökonomie der Markt bei einer Kombination von geringerem Angebot und niedrigeren Preisen einpendeln.

In jedem Fall ist Europas Selbstkasteiung durch ökologisch begründete Steuereintreibung ein nicht zu unterschätzender Bonus für Amerika. Man kann annehmen, dass die erstaunliche Dynamik der US-Wirtschaft in den neunziger Jahren wesentlich durch zwei Faktoren herbeigeführt wurde, nämlich durch Kostensenkungen auf Grund rapide fortschreitender Internetnutzung, und durch den Segen billiger Energie. Zeitweise lagen die realen Benzinpreise auf dem niedrigsten Niveau seit den fünfziger Jahren.

Energiekosten wirken bekanntlich in der Volkswirtschaft wie Umsatzsteuern. Je höher die Energiekosten, desto mehr stöhnt die Wirtschaft unter einer Quasi-Steuerlast, die sich zur fiskalischen Steuerlast addiert. Durch übermäßige Steigerung der Energiekosten und/oder der fiskalischen Steuern kann man jede Wirtschaft bis zum Stillstand und Rückgang abwürgen: ein Konzept, das einige Staaten Europas gerade erfolgreich demonstrieren.

Ölfachmann Bush weiß, dass billige Energie das Lebenselixir jeder Wirtschaft ist, und dass Europas und Japans Konsumverzicht den USA eine wunderbare Chance bietet, sich auf dem Weltmarkt günstig mit Öl einzudecken. Mit wenig Anstrengung ließe sich vermutlich schätzen, um wie viel Cent Europas und Japans Steuerzahler derzeit die durchschnittliche Gallone amerikanischen Benzins subventionieren. Kein Wunder, dass ein volles Drittel aller in den USA verkauften Privatfahrzeuge inzwischen aus sehr durstigen Kleinlastwagen, Luxus-Geländewagen, Kleinbussen und Ferienfahrzeugen besteht, zusätzlich zu den traditionellen Straßenkreuzern, die davon profitieren, dass fast zwei Drittel der Bevölkerung inzwischen übergewichtig sind und nicht mehr in Kleinwagen passen.

Was bleibt bei genauerem Hinsehen von Europas Eifer, Erdöl zu sparen, übrig? Solange die USA nicht bereit sind, sich ebenfalls zu kasteien, wenig. Ein großer Teil des in Europa und Japan gesparten Öls wird in Amerika und dem Rest der Welt zusätzlich verbraucht. Ist das, was unter dem Strich in der Erdkruste verbleibt, das Riesenopfer der Europäer und Japaner wert? Oder ist der Ressourcenschutz nicht doch nur ein modischer Rauchvorhang, hinter dem sich fiskalische Gier verbirgt?

Gerne wird richtigerweise eingewendet, dass die brutale Treibstoffbesteuerung, die Europas Benzinpreise auf das Vierfache des US-Niveaus gesteigert hat, den technischen Fortschritt beflügelt. Es ist sicher gut, dass Europas und Japans Autos heute viel sparsamer sind, als noch vor zwanzig Jahren. Ist das ein Verkaufsargument beim Export nach Amerika? Wohl kaum. Dem Durchschnittsamerikaner ist relativ egal, wie viel sein Fahrzeug verbraucht. Er kauft einen Japaner, wenn er ein reparaturarmes Fahrzeug will, oder einen Europäer, wenn er sozialen Status und Individualität demonstrieren will. Dass beide weniger verbrauchen als früher, ist ein Geschenk an Amerika, das wenig gewürdigt wird.

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—— Burkhart Fürst